Zuschauermeinungen
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Am Tag nach der – aus unserer Sicht – sehr erfolgreichen Abstimmung möchte ich mich nochmals und ganz herzlich, auch im Namen meiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, bei allen für die Unterstützung und ihr Engagement für die neue Trägerschaft des Theaters Chur bedanken.
Markus Luchsinger Künstlerischer Leiter Theater Chur
Eine Lobby für das Theater
Von Markus Luchsinger
Am 17. Mai werden Sie, liebe Churerinnen und Churer, über die «Privatisierung» des Churer Stadttheaters abstimmen. Wobei Privatisierung vielleicht nicht ganz das richtige Wort ist. Es geht um eine neue Trägerschaft für das Stadttheater. Die Stiftung Theater Chur. Diese wird deswegen nicht zur Privatangelegenheit. Der Name sagt es bereits.
Auch bei Ihrem Ja zur Änderung des Kulturgesetzes sichern regelmässige Beiträge der öffentlichen Hand – in erster Linie der Stadt und, wie wir uns wünschen, weiterhin auch des Kantons – die Aufrechterhaltung eines kulturellen und bildungspolitischen Auftrags: Die Erhaltung eines überregional bekannten Theater- und Konzerthauses in der Kantonshauptstadt, die Vermittlung von künstlerisch hoch stehenden Ereignissen, sowie die Erarbeitung eigenständiger Produktionen im Musik- und Theaterbereich, in welchen sich die spezifischen Qualitäten unserer Region zum Ausdruck bringen. Das Theater Chur ist eines der kulturellen Aushängeschilde unseres Kantons.
Eine Kommission, die sich aus allen – zur Beginn ihrer Tätigkeit – im Gemeinderat von Chur vertretenen Parteien zusammensetzte, befand nach intensiver Beschäftigung mit der Thematik einstimmig, dass eine Trägerschaft im Sinne der geplanten Stiftung sinnvoll ist. Die Stadt hatte anfangs der Neunzigerjahre das Theater, das damals genossenschaftlich organisiert war, übernommen. Mehr aus Not, denn aus eigenem Wunsch. Inzwischen wissen wir, dass ohne Geld hochstehendes Theater nicht zu machen ist. Dafür braucht es eine Lobby. Ich bin der Meinung, dass die öffentliche Hand Kultur und Bildung fördern kann und soll. Dass sie gleichzeitig aber die Lobbyarbeit für Kultur übernimmt, ist unrealistisch. Für ein festes Haus wie das Theater Chur braucht es gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten verlässliche Strukturen.
Strukturen sind eine Sache. Letztlich sind es Persönlichkeiten, die über den Erfolg oder Nicht-Erfolg einer künstlerischen Einrichtung bestimmen. Die Mitglieder des Stiftungsrats, bestehend aus Vertretern von Politik, Wirtschaft und Kultur, sind Gesprächspartner der Theaterleitung. Sie helfen mit, Strategien zur Erfüllung des Auftrags zu erarbeiten. Sie erkennen Risiken, rechtzeitig. Gegen aussen stärkt ein solches Gremium das Verständnis für die Anliegen des Hauses, nachhaltiger jedenfalls, als wenn der Theaterleiter ständig in eigener Sache für seine Kunst wirbt.
Auch aus diesem Grund, plädiere ich für eine unabhängige Trägerschaft. Ich bin davon überzeugt, dass wir alle – und in erster Linie das Theater, auf das die Churerinnen und Churer stolz sind – von diesem Schritt profitieren werden. Die Stiftung allein bringt noch kein zusätzliches Geld. Sie löst nicht alle Probleme. Wir werden Personen finden müssen, die unsere Arbeit unterstützen. Ich bin überzeugt, dass es sie gibt, in unserer Stadt. In unserem Kanton. Eine eigenständige Trägerschaft bedeutet einen Schritt in eine richtige Richtung. Und Bewegung – das zeigt ein Blick auf die Vergangenheit unseres Hauses – ist besser als Stillstand.
Sun fingià uossa tuot trista
Von Gianna Könz
Teater es alch chi m’interessaiva fingià adüna enormamaing. Tü at poust transmüdar in üna persuna tuottafat estra, invlidar tuot quai chi’d es intuorn tai e dafatta invlidar, cha tü est vi dal giovar teater. Per mai es far teater ün divertimaint, e davo giovar ün’ura teater nu sun eu exausta, ma am saint bain e cuntainta. La prüma reacziun da blera glieud, cur chi dodan ch’eu vegn üna jada l’eivna duos uras cul tren oura Cuoira a far teater es: «Sbattast tü?» Eu nu poss dir, cha quai saja tuottafat normal. Ma eu sun adüsada dad ir in viadi.
Il tren e la posta sun dvantats per mai sco ün «büro» mobil. Aint il tren n’haja la pussibiltà dad inscuntrar a blera glieud ed avair discussiuns interessantas ch’eu mai nu vess uschigliö. Forsa n’haja simplamaing da verer roba nouva e imprender a cugnuoscher otra glieud. Far teater cun glieud da mi’età es alch ch’eu fetsch fich gugent, e quella pussibiltà nu daja pro mai güsta davant porta d’chasa. Uschè, co ch’eu n’ha senti meis prüms inscunters cun «basta!» sa eu, ch’eu na trat la dretta decisiun. Ed eu sun fingià uossa tuot trista, perchè ch’eu nu poss plü gnir il seguond mezz on, cun quai cha meis urari da scoula müda ed eu rivess pür ün’ura massa tard oura Cuoira.
Gianna Könz, Vnà, commembra da basta!
Theater hat mich schon immer enorm interessiert. Du kannst dich in eine vollständig fremde Person verwandeln, alles um dich herum vergessen und sogar vergessen, dass du Theater spielst. Für mich ist Theater eine Unterhaltung, und nach einer Stunde Theater spielen bin ich nicht am Ende, aber ich fühl mich wohl und bin zufrieden. Die erste Reaktion von vielen, wenn sie hören, dass ich einmal die Woche zwei Stunden mit dem Zug nach Chur fahre, um Theater zu spielen, ist: «Spinnst du?» Ich kann nicht sagen, dass sei doch ganz und gar normal. Aber ich bin mir das Reisen gewohnt.
Der Zug und das Postauto sind für mich ein wie mobiles Büro. Im Zug hab ich die Möglichkeit viele Menschen zu treffen und interessante Diskussionen zu führen, die ich sonst nie hätte. Vielleicht hab ich einfach Lust, neue Sachen zu sehen und andere Menschen kennen zu lernen. Theaterspielen mit Menschen in meinem Alter mach ich sehr gerne, und diese Möglichkeit hab ich nicht gerade vor meiner Haustüre. So wie ich mich nach meiner ersten Begegnung mit „basta!“ gefühlt habe, weiss ich, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe. Und ich bin bereits jetzt traurig, weil ich in den Aufbaukurs nicht mehr kommen kann, da mein Stundenplan sich ändern wird und ich erst eine Stunde später in Chur ankommen würde.
Gianna Könz, Vnà, basta!-Mitglied
Puste aus für Flims Klang?
Von Mathias Balzer
Die Nachricht vom Ende des Festivals «Flims Klang» ist nun schon einige Wochen alt. Erstaunlicherweise hat sie kaum öffentliche Reaktionen ausgelöst. Vielleicht liegt das ja an der Nachrichtenflut über die Finanzkrise. Was sind schon Klänge gegenüber Zahlen mit über zehn Nullen? Dabei schien, von aussen betrachtet, alles in Ordnung zu sein.
Flims Klang hat sich über fünf Jahre kontinuierlich aufgebaut, die qualitativ anspruchsvollen Produktionen an ausgesuchten Naturplätzen in der Flimser Landschaft haben Publikum und Presse begeistert. Der Auftritt des Anlasses war gepflegt, verzichtete auf die bei vielen Festivals grassierende Worthülsendrescherei. Flims Klang passte zu Flims. Es erstaunt nun doch sehr, dass fünf Jahre Aufbauarbeit ein so plötzliches Ende finden. Immerhin ist der Anlass von Graubünden Kultur in den Reigen der so genannten kulturellen Leuchttürme im Kanton, bisher zwölf an der Zahl, aufgenommen worden.
Liest man die Begründung für das sang- und klanglose Ende des Festivals, vernimmt man folgende Geschichte: Initiative Künstler, die keine Berührungsängste in der Zusammenarbeit mit touristischen Organisationen haben, realisieren einen Anlass. Die Idee stösst auf Wohlwollen und wird auch unterstützt. Um das Festival aufzubauen, müssen die Veranstalter viel investieren. Das bedeutet meist: Sie kompensieren fehlende finanzielle Mittel durch unbezahlte Arbeit, in der Hoffnung, dass die Durststrecke mit dem wachsenden Erfolg eine Ende finden wird. Die Beiträge an das Budget erhöhen sich Jahr für Jahr zwar um einige Franken, aber kaum um Zahlen mit mehreren Nullen. Nach fünf Jahren Durststrecke stehen die Veranstalter vor dem Dilemma, dass der Anlass zwar erfolgreich ist, die Finanzierung aber, würde man die unbezahlte Arbeit vergüten, keineswegs gedeckt ist. Es wäre Zeit, Flims Klang zu institutionalisieren. Aber trotz Erfolg und ausgewiesener Leistung, sind weder die Gemeinde noch der Kanton bereit, diesen Schritt zu vollziehen. Den Veranstaltern geht die Puste aus. Ende der Geschichte.
Meine Fragen an die Beteiligten, die Veranstalter, die touristischen Organisationen, die Kulturförderung, an Graubünden Kultur sind: Stimmt meine Wahrnehmung der Vorgänge, die zum Ende von Flims Klang führen? Ist dies ein Einzelfall oder ein symptomatischer? Wie lange muss sich ein Anlass behaupten, damit man ihn auch finanziell auf gesunde Beine stellt? Wer soll dies tun?
Niedergänge beginnen oft mit unscheinbaren Ereignissen. Es könnte ja sein, dass noch weiteren Leuchttürmen von Graubünden Kultur langsam der Strom ausgeht.
Braucht Chur ein Konzerthaus?
Von Heinz Girschweiler
Soeben habe ich in der Theaterzeitung den Artikel über das Theater als Konzerthaus gelesen und mich gewaltig geärgert, dass Sie die Idee der Postremise auf diese Art desavouieren. Der Begriff Tonhalle ist ein unglücklich gewählter Projekttitel, der in einer frühen Phase verwendet wurde, der aber nicht von Bedeutung ist, da dieser Begriff in Chur bereits durch das entsprechende Lokal besetzt ist und wohl kaum je für das Projekt Postremise verwendet werden dürfte. Das das Churer Theater auch ein Konzerthaus ist, steht ausser Frage und soll sicher auch so bleiben, wenn es um grosse Orchesterkonzerte geht. Das Projekt Postremise ist ein mittelgrosser Saal, gedacht für Kammermusikkonzerte oder kleinere Orchesterbesetzungen. Entsprechend der Idee von Andrea Meuli, wäre das ein möglicher zweiter Spielort für kleinere Projekte.
Mal abgesehen von der unbefriedigenden akustischen Situation im Theater Chur, möchte ich Sie bitten, mir einen Saal in Chur zu nennen, der akustisch wirklich befriedigt. Neben den Konzerten im Theater Chur gibt es aber eine weitaus grössere Konzertszene in Graubünden sowohl im klassischen Bereich, als auch in anderen Sparten. Und in dieser Szene ist man sich wohl einig, dass die Situation in Chur für eine Stadt dieser Grösse unbefriedigend ist. Ob das Theater Chur mit baulichen Massnahmen da Abhilfe schaffen kann, wage ich zu bezweifeln. Die Anforderung an ein Sprechtheater ist nun mal eine andere, als an einen Konzertsaal.
Dazu kommt, das neben den eingekauften Produktionen von aussen auch eine aktive eigene Musikszene existiert. Diese Musikszene braucht einen Saal mittlerer Grösse. Klibühni und Werkstatt sind zu klein, Würth ungeeignet, Marsöl und Kulturhaus Bienenweg akustisch eine Katastrophe, Kirchgemeindehäuser und Aulen atmosphärisch ungeeignet. Das Projekt Postremise ist ein Chance, wenigstens eine Diskussion in Gang zu bringen. Wenn aber Leute wie Andrea Meuli und David Sonton, die gar nicht hier leben und arbeiten, solche Urteile in der Öffentlichkeit fällen, sehe ich schwarz für eine Grundsatzdiskussion. Dann bleibt längerfristig alles beim Alten und die hier arbeitenden MusikerInnen haben das Nachsehen. In diesem Sinne wünsche ich mir von Ihnen einen differenzierteren Umgang mit diesem Thema. Wenn Sie es schaffen, die räumlichen Bedingungen für Musik in Chur unter dem Namen Theater- und Konzerthaus Chur wirklich zu verbessern, bin ich noch so froh und auf jeden Fall auf Ihrer Seite, wenn nicht, dann helfen Sie doch bitte mit, wenigstens eine kleine Verbesserung der Situation zu erzielen!
Das Gespräch mit Andrea Meuli und David Sontòn-Caflisch ist erschienen in der Zeitung Nr. 7 des Theaters Chur. Sie können die Zeitung bei uns
bestellen unter: info@theaterchur.ch
oder online lesen: www.theaterchur.ch/cmsfiles/presse/RZ_Zeitung_07.pdf
Horror Vacui
Von Mathias Balzer
Der Theaterplatz vor der Haustüre des Theaters Chur gab schon vor seiner Realisierung Anlass zu heftigen Kommentaren und hitzigen Gesprächen. Erst recht danach.
Früher tat er dies nicht. Da war der Platz einfach ein Parkplatz, tagsüber für die Beamten im angrenzenden Beamten-Silo, abends für Nachtschwärmer und Theaterbesucher. Früher, vor dem Siegeszug der Fussgänger, waren überhaupt alle Plätze der Innenstadt Parkplätze. Sie hiessen Kornplatz, Martinsplatz, Alexanderplatz oder Bahnhofsplatz. Aber eigentlich waren es Parkplätze. Irgendwann entschied das Churer Stimmvolk auf Anraten von Politikern und Stadtplanern, dass die Innenstadt mit umfassenden Sanierungen aufgewertet und verschönert werden solle, damit sie frei werde vom chaotischen Lärm und Gestank des Verkehrs, den man nur noch in jenen südlichen Ländern antrifft, in denen man so gerne die Ferien verbringt.
Heute sind Plätze keine Plätze mehr, sondern «Zonen». Es gibt Einkaufszonen, Fussgängerzonen, suchtmittelfreie Zonen, die Tschu-Tschu-Bahn-Zone und sogar eine Begegnungszone, in der jedoch bis heute die Busfahrer die Einzigen sind, die sich zuwinken. Im Zuge der Umwandlung des Beamtenparkplatzes wurden selbstverständlich Überlegungen angestellt, was für eine Zone der neue Theaterplatz denn sein könnte. Und man kam auf die Idee: Ein Platz für Kultur sollte es werden! Für die Freilichtspiele, für das Open-Air-Kino, ein Raum für die Kunst. Die verführerischste Vision war die eines Theatercafés, das der leer geräumten Fläche einen Hauch von Piazza und Italianità verleihen sollte. Doch man hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Nach langwierigen Abklärungen zwischen Stadtarchitekt, Theaterleitung und verschiedenen Gastronomen gelangte man zur bitteren Erkenntnis, dass auch eine schöne Piazza- Beiz draussen über Küche, Kühl- und Lagerräume drinnen – also im Parterre des Theaters − verfügen müsste, denn nur ein Ganzjahresbetrieb sichert dem Wirt ein Einkommen und würde die Investitionen rechtfertigen. Beim Anblick des Budgets wurde die Akte dann sehr rasch geschlossen. Keine Piazza also. Doch auch die Nutzung der Kulturzone als Ort für Veranstaltungen hält sich bisher in Grenzen: Das Sommerkino bleibt zu Recht, wo es ist. Und Theatervorstellungen, Abendverkehr und Ruhebedürfnis der Anwohner lassen sich eben auch nur schwer unter einen Hut bringen. Die Folge: Der Platz ist meist leer, und dies erzeugt bei nicht wenigen einen eigentlichen Horror Vacui, der sich nicht nur in Leserbriefspalten und Stammtischgesprächen kundtut. Nein, der leere Platz musste sogar schon als abenteuerliche Metapher für den Zustand der städtischen Theaterszene herhalten!
Dabei ist dieser Platz einfach ein Platz. Vielleicht ist gerade das der tiefere Grund für die Erhitzung der Gemüter. Der Theaterplatz ist ein Platz, der einfach da ist, der sich selbst genügt und sich als erstaunlich resistent erweist gegenüber irgendwelchen aufgestülpten Definitionen als «Kulturzone». Seine eigentlichen Qualitäten zeigt er, wenn er leer ist. Im Licht der Morgensonne, wenn die letzten Exemplare noch rauchender Beamter um den Brunnen stehen, oder am Abend, wenn der Verkehr nachlässt und sich der Platz so wunderbar nutzlos vor einem ausbreitet. Alle Bestrebungen, seine Leere einzurichten, ihn wohnlicher zu machen, sei es mit Topfpalmen oder Kunstwerken mit Möblierungscharakter, zerstören seine Qualität. Der Theaterplatz ist für flüchtige Erscheinungen gemacht: für Müssiggänger, die auf den Bänken sitzend die Zeit verstreichen lassen, für Skateboarder und ihre kratzenden Pirouetten, für rauchende Beamte. Da es von allen dreien nicht mehr allzu viele gibt, bleibt der Platz oft leer. Zonenfrei, sinnlos, schön.


Zeughausstrasse 6