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Horror Vacui

Donnerstag, 25. September 2008 - 11:57

Von Mathias Balzer

Der Theaterplatz vor der Haustüre des Theaters Chur gab schon vor seiner Realisierung Anlass zu heftigen Kommentaren und hitzigen Gesprächen. Erst recht danach.

Früher tat er dies nicht. Da war der Platz einfach ein Parkplatz, tagsüber für die Beamten im angrenzenden Beamten-Silo, abends für Nachtschwärmer und Theaterbesucher. Früher, vor dem Siegeszug der Fussgänger, waren überhaupt alle Plätze der Innenstadt Parkplätze. Sie hiessen Kornplatz, Martinsplatz, Alexanderplatz oder Bahnhofsplatz. Aber eigentlich waren es Parkplätze. Irgendwann entschied das Churer Stimmvolk auf Anraten von Politikern und Stadtplanern, dass die Innenstadt mit umfassenden Sanierungen aufgewertet und verschönert werden solle, damit sie frei werde vom chaotischen Lärm und Gestank des Verkehrs, den man nur noch in jenen südlichen Ländern antrifft, in denen man so gerne die Ferien verbringt.

Heute sind Plätze keine Plätze mehr, sondern «Zonen». Es gibt Einkaufszonen, Fussgängerzonen, suchtmittelfreie Zonen, die Tschu-Tschu-Bahn-Zone und sogar eine Begegnungszone, in der jedoch bis heute die Busfahrer die Einzigen sind, die sich zuwinken. Im Zuge der Umwandlung des Beamtenparkplatzes wurden selbstverständlich Überlegungen angestellt, was für eine Zone der neue Theaterplatz denn sein könnte. Und man kam auf die Idee: Ein Platz für Kultur sollte es werden! Für die Freilichtspiele, für das Open-Air-Kino, ein Raum für die Kunst. Die verführerischste Vision war die eines Theatercafés, das der leer geräumten Fläche einen Hauch von Piazza und Italianità verleihen sollte. Doch man hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Nach langwierigen Abklärungen zwischen Stadtarchitekt, Theaterleitung und verschiedenen Gastronomen gelangte man zur bitteren Erkenntnis, dass auch eine schöne Piazza- Beiz draussen über Küche, Kühl- und Lagerräume drinnen – also im Parterre des Theaters − verfügen müsste, denn nur ein Ganzjahresbetrieb sichert dem Wirt ein Einkommen und würde die Investitionen rechtfertigen. Beim Anblick des Budgets wurde die Akte dann sehr rasch geschlossen. Keine Piazza also. Doch auch die Nutzung der Kulturzone als Ort für Veranstaltungen hält sich bisher in Grenzen: Das Sommerkino bleibt zu Recht, wo es ist. Und Theatervorstellungen, Abendverkehr und Ruhebedürfnis der Anwohner lassen sich eben auch nur schwer unter einen Hut bringen. Die Folge: Der Platz ist meist leer, und dies erzeugt bei nicht wenigen einen eigentlichen Horror Vacui, der sich nicht nur in Leserbriefspalten und Stammtischgesprächen kundtut. Nein, der leere Platz musste sogar schon als abenteuerliche Metapher für den Zustand der städtischen Theaterszene herhalten!

Dabei ist dieser Platz einfach ein Platz. Vielleicht ist gerade das der tiefere Grund für die Erhitzung der Gemüter. Der Theaterplatz ist ein Platz, der einfach da ist, der sich selbst genügt und sich als erstaunlich resistent erweist gegenüber irgendwelchen aufgestülpten Definitionen als «Kulturzone». Seine eigentlichen Qualitäten zeigt er, wenn er leer ist. Im Licht der Morgensonne, wenn die letzten Exemplare noch rauchender Beamter um den Brunnen stehen, oder am Abend, wenn der Verkehr nachlässt und sich der Platz so wunderbar nutzlos vor einem ausbreitet. Alle Bestrebungen, seine Leere einzurichten, ihn wohnlicher zu machen, sei es mit Topfpalmen oder Kunstwerken mit Möblierungscharakter, zerstören seine Qualität. Der Theaterplatz ist für flüchtige Erscheinungen gemacht: für Müssiggänger, die auf den Bänken sitzend die Zeit verstreichen lassen, für Skateboarder und ihre kratzenden Pirouetten, für rauchende Beamte. Da es von allen dreien nicht mehr allzu viele gibt, bleibt der Platz oft leer. Zonenfrei, sinnlos, schön.


Letzte Kommentare WellT schrieb am Mittwoch, 01. Oktober 2008 - 07:49
Design braucht Platz. :-) Zonenfrei, sinnvoll, schön.

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